Warum das laufende Jahr nicht in die historische Vergleichsbasis einfließt
Dieses Dashboard beantwortet auf den ersten Blick eine einfache Frage: Wie steht der aktuelle Gasspeicher-Füllstand im Vergleich zum historischen Minimum und Maximum da? Die naheliegende Berechnung wäre, aus allen verfügbaren Jahren (in diesem Fall 2011 bis heute) den niedrigsten und höchsten je Kalendertag bzw. Kalendermonat gemessenen Füllstand zu bestimmen und den aktuellen Wert dagegen zu halten.
Das Problem: Sobald das laufende Jahr selbst ein Extremjahr ist, verzerrt es seine eigene Vergleichsbasis. Genau das ist hier der Fall, 2026 ist aktuell das Jahr mit den niedrigsten je gemessenen Füllständen im gesamten Datensatz. Würde man 2026 in die „historische Minimum“-Berechnung mit einbeziehen, würde der aktuelle Füllstand an vielen Tagen exakt sein eigenes historisches Minimum sein , der Vergleich würde sich selbst bestätigen, statt etwas auszusagen. Bei der Frage „Ist das ungewöhnlich niedrig?“ entsteht ein Zirkelschluss. Die Antwort lautet „Ja“, weil es das niedrigste ist, das wir kennen und das untersuchte Ergebnis selbst Teil dieser Vergleichsmenge ist.
In der Statistik und im Machine Learning kennt man dieses Muster als Zirkelschluss oder Data Leakage: Die zu bewertende Beobachtung fließt in die Referenz ein, gegen die sie bewertet wird. Das Ergebnis wirkt plausibel, ist aber methodisch wertlos.
Wie andere das lösen
Dieses Dilemma ist nicht neu, verschiedene Fachbereiche haben etablierte Lösungen dafür:
- US-Erdgasspeicherbericht (EIA, Weekly Natural Gas Storage Report): Der wöchentliche Bericht der U.S. Energy Information Administration vergleicht den aktuellen Speicherstand nicht gegen alle verfügbaren Jahre, sondern gegen einen rollierenden 5-Jahres-Durchschnitt bzw. eine 5-Jahres-Spanne. Diese Spanne wird jedes Jahr im Januar neu berechnet („rolled over“), sodass das aktuelle Jahr nie Teil seiner eigenen Vergleichsbasis ist.
- Klimawissenschaft (WMO Climatological Standard Normals): Die World Meteorological Organization nutzt für den Vergleich „ist dieses Jahr wärmer/trockener als normal?“ feste 30-Jahres-Referenzperioden (zuletzt 1991–2020), die alle zehn Jahre aktualisiert werden. Auch hier gilt das Prinzip einer klar abgegrenzten, nicht beliebig langen und nicht „seit Beginn der Aufzeichnung“ laufenden Vergleichsbasis.
- Allgemeines Monitoring-/Statistik-Prinzip: In der Anomalie- und Baseline-Erkennung (z. B. bei Performance-Monitoring-Systemen) gilt als Grundregel: „The run currently being profiled is never included in its own baseline.“ Die zu bewertende Periode wird also grundsätzlich aus ihrer eigenen Referenz ausgeschlossen, unabhängig davon, ob man mit Gasspeichern, Temperaturen oder Server-Latenzen arbeitet.
Die gewählte Lösung für dieses Dashboard
Für dieses Dashboard fiel die Wahl auf ein rollierendes 5-Jahres-Fenster als historische Vergleichsbasis, die letzten fünf abgeschlossenen Jahre vor dem laufenden Jahr (aktuell also 2021–2025), analog zur EIA-Methodik. Das laufende Jahr fließt dabei grundsätzlich nicht ein.
Zwei Alternativen wurden bewusst verworfen:
„Alle Jahre außer dem laufenden“ (2011–2025): Das war die erste, einfachere Korrektur des ursprünglichen Zirkelschluss-Problems. Sie behebt zwar die Selbstbezüglichkeit, „friert“ die Vergleichsbasis aber über 15 Jahre ein und reagiert kaum auf strukturelle Veränderungen (z. B. verändertes Speicherverhalten seit der Energiekrise 2022). Eine 15 Jahre alte Untergrenze bleibt Untergrenze, selbst wenn sich das „normale“ Niveau seither strukturell verschoben hat.
Eine feste 30-Jahres-Referenzperiode wie bei der WMO: Methodisch reizvoll, für dieses Projekt nicht umsetzbar, denn die zugrunde liegenden AGSI-Daten reichen nur bis 2011 zurück, es liegen also gar keine 30 Jahre Historie vor.
Das rollierende 5-Jahres-Fenster ist damit der beste verfügbare Kompromiss: kurz genug, um aktuelle Trends abzubilden, lang genug, um nicht von einzelnen Ausreißerjahren dominiert zu werden, und methodisch sauber, weil das laufende Jahr nie Teil seiner eigenen Referenz ist.
Konkrete Auswirkung auf die Zahlen
Am Beispiel des historischen Minimums je Kalendermonat wird der Unterschied deutlich:
|
Monat |
Minimum, alle Jahre inkl. 2026 |
Minimum, 5-Jahres-Fenster 2021–2025 |
|---|---|---|
|
August |
46,74 % |
50,18 % |
|
September |
53,55 % |
59,90 % |
|
März |
14,18 % |
24,46 % |
In der ersten Spalte (alle Jahre inkl. 2026) drückt das laufende Rekordtiefjahr das „historische“ Minimum künstlich nach unten — der Vergleichswert für August und September stammt dort faktisch aus 2026 selbst. In der zweiten Spalte (5-Jahres-Fenster ohne 2026) liegt das Minimum spürbar höher und spiegelt tatsächlich vergangene, unabhängige Jahre wider. Der aktuelle Füllstand lässt sich damit erst gegen die zweite Spalte sinnvoll bewerten.
Quellen
EIA – Natural Gas Storage Dashboard: Notes and Sources (5-Jahres-Spanne-Methodik)
Copernicus Climate Change Service – New decade brings reference period change for climate data
WMO – Updated 30-year reference period reflects changing climate
Daten: Gas Infrastructure Europe (GIE) – Aggregated Gas Storage Inventory (AGSI), agsi.gie.eu