Als ich mein Gasspeicher-Dashboard gebaut habe, stand eine Frage im Vordergrund: Wie ist der aktuelle Wert im historischen Vergleich einzuordnen?
Die Idee war denkbar simpel: Ich nehme alle verfügbaren Daten von 2011 bis heute, ermittle für jeden Monat das historische Minimum und Maximum und zeichne den aktuellen Füllstand dazwischen ein.
Klingt intuitiv, logisch und mathematisch richtig. War es aber nicht. Ich hatte einen klassischen methodischen Denkfehler eingebaut: einen Zirkelschluss, der die Aussagekraft Diagramme zunichte machte.
Wenn eine Beobachtung ihre eigene Referenz ist
Das Problem wird sofort offensichtlich, sobald das laufende Jahr ein Extremjahr ist. Und genau das erleben wir gerade: 2026 markiert derzeit die niedrigsten Füllstände im gesamten Datensatz.
Indem ich 2026 in die Berechnung des historischen Minimums einbezogen habe, passierte Folgendes:
- Der Füllstand von heute wurde mit dem niedrigsten Füllstand verglichen, der je an einem heutigen Tag gemessen wurde.
- Da heute aber der absolute Rekordtiefstand herrscht, verglich sich der Wert mit sich selbst.
- Das „historische Minimum“ folgte dem aktuellen Füllstand wie ein Schatten.
In der Statistik und im Machine Learning nennt man das Data Leakage oder Zirkelschluss: Die zu bewertende Beobachtung fließt direkt in den Vergleichswert ein, an dem sie gemessen werden soll. Auf den ersten Blick sah die Grafik plausibel aus, aber methodisch war sie wertlos. Ich fragte die Daten: „Ist dieser Wert ungewöhnlich niedrig?“ Und die Daten antworteten: „Ja, weil er der niedrigste ist – inklusive sich selbst.“

Wie groß sind die Unterschiede tatsächlich?
Ein Blick auf die Zahlen genügt, um zu erkennen, dass es hier um mehr als bloße akademische Haarspalterei geht. Betrachtet man das Minimum je Kalendermonat, wird die Verzerrung sofort sichtbar:
| Monat | Minimum (Alle Jahre inkl. 2026) | Minimum (5-Jahres-Fenster 2021–2025) | Differenz |
| März | 14,18 % | 24,46 % | -10,28 %p |
| August | 46,74 % | 50,18 % | -3,44 %p |
| September | 53,55 % | 59,90 % | -6,35 %p |
In der alten Berechnung (Spalte 1) drückt das laufende Jahr 2026 die Messlatte künstlich nach unten. Das verzerrt die Wahrnehmung völlig. Ein Füllstand im März wirkt mit der alten Methodik scheinbar noch im grünen Bereich, obwohl er sich längst unter dem historischen Minimum befindet. Erst ohne das laufende Jahr sieht man den echten Abstand zur historischen Realität.
Wie machen es die Profis?
Auf der Suche nach einer sauberen Lösung habe ich mir angeschaut, wie etablierte Institutionen mit diesem Dilemma umgehen:
- EIA (US-Erdgasspeicherbericht): Die U.S. Energy Information Administration nutzt für ihren wöchentlichen Bericht einen rollierenden 5-Jahres-Durchschnitt bzw. eine 5-Jahres-Spanne (Quelle: Methodology for EIA Weekly Underground Natural Gas Storage Estimates). Diese wird jeweils im Januar neu berechnet (rollover). Das laufende Jahr ist niemals Teil seiner eigenen Referenz.
- WMO: Die Weltorganisation für Meteorologie arbeitet für Temperatur- und Niederschlags-Vergleichen mit festen 30-Jahres-Referenzperioden (aktuell 1991–2020), die nur alle zehn Jahre angepasst werden (Quelle: WMO Climatological Normals).
- IT-Monitoring: In der System-Analyse gilt die eiserne Regel: „The run currently being profiled is never included in its own baseline.“ (Quelle: Collibra – About baseline calculations)

Die Lösung für das Dashboard
Für das Dashboard standen nach dieser Erkenntnis drei Wege zur Auswahl:
- Ganzes Archiv ohne 2026 (2011–2025): Behebt zwar die Selbstbezüglichkeit, „friert“ die Basis aber über 15 Jahre ein. Strukturelle Brüche, etwa das komplett veränderte Speicherverhalten seit der Energiekrise 2022, gehen in der langen Historie unter.
- Feste 30-Jahres-Periode (WMO-Modell): Methodisch richtig, scheitert aber schlicht an den AGSI-Daten der Gas Infrastructure Europe, die erst 2011 beginnen.
- Rollierendes 5-Jahres-Fenster (EIA-Modell): Die gewählte Lösung. Es fließen immer die letzten fünf abgeschlossenen Kalenderjahre ein (aktuell 2021–2025).
Das 5-Jahres-Fenster bildet den besten Kompromiss: Es reagiert flexibel auf neuere Trends, wird nicht von Uralt-Daten dominiert und bleibt methodisch sauber, weil das laufende Jahr ausgeschlossen wird.
Hier ist das verbesserte Dashboard zu sehen. Erkenntnis: Seit dem 5. Juli 2026 haben wird eine historisches Tief bei den Gasspeichern.
(Beitragsbild: Gaumont / Les Films Christian Fechner, Ausschnitt aus: Oscar (1967) / L’Avare (1980) mit Louis de Funès & Claude Gensac)

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